Wort zum Sonntag: „Worum es sich zum Fest dreht“von Rainer Schönborn Weihnachten ist bald. Da freut man sich über den Weihnachtsbaum, der geschmückt wird, über Krippen und Pyramiden, die aufgebaut werden. Besonders Kinder freuen sich über die Pyramide, wenn sie sich dreht. Unsere Jüngste war ganz beeindruckt von der großen Pyramide auf dem Quedlinburger Weihnachtsmarkt.
Die Weihnachtsgeschichte wird hier so erzählt, wie sie dem Leben der Bergleute im Erzgebirge entspricht. Die seit Jahrhunderten in ihrer Freizeit schnitzten, was mit ihrem Leben zu tun hatte: Leuchter für das Licht, dass die Dunkelheit der Stollen erheben sollte. Wärme, die in kalten Wintertagen die Arbeit erst möglich machte. Engel als Schutz, denn im Schacht war es gefährlich. Und im Mittelpunkt Jesuskind, um das sich alles dreht. So wie bei den Bergleuten früher der so genannte Göpel im Zentrum lag, von dem aus die Kraft übertragen wurde. Nur – bei meiner Weihnachtspyramide wurde das Jesuskind vergessen. Ein Geschenk, bei dem das eigentliche Geschenk fehlt. „Ein Kind ist euch geboren, ein Sohn ist für euch geschenkt. Der Retter und Heiland der Welt“, sagen die Weihnachtstexte. Ist Jesus, der Mensch gewordene Gott, als Mittelpunkt verloren gegangen? Dreht sich nicht vieles an Weihnachten um eine Illusion von Friede, Freude, heiler Welt? Glück durch Festtagsbraten und teure Geschenke? Und wenn ich nach spätestens zwei Tagen wieder sehe, wie kaputt die Welt ist – am Geburtsort Jesu in Bethlehem, in meiner Umgebung, in mir – erwarte ich da sehnsüchtig Hilfe und Heilung von Gott?
„Ein Kind ist euch geboren, ein Sohn ist euch geschenkt. Der Heiland der Welt“. Die Schnitzer von damals haben an Rettung und Heilung geglaubt. Sie haben deshalb Menschen dargestellt, die um das Jesuskind kreisten. Zum Beispiel orientalische Wissenschaftler, oft als König bezeichnet. Die Legende erzählt: Sie suchten lange, bis sie ihren Retter fanden. Mit einem Kind hatten sie nicht gerechnet. Aber – sie trauen mehr ihrem Herzen als ihren Augen. Lassen sich verändern durch die Begegnung im Stall. Gehen als Beschenkte weg auf einem neuen Weg. Oder die Hirten auf dem Feld – einfache Leute – plötzlich haben sie eine wichtige Funktion. Sie erzählen weiter, was unglaublich klingt, sie aber erfahren haben: Gott ist in einem Kind einer von uns geworden. Ein Bruder. Jedem Menschen nahe.
So müsste Weihnachten sein: Ein Gott, der sich selbst schenkt, wird der Drehpunkt. Ich kreise nicht mehr um mich, meine Sorgen, Ängste und Fehler, sondern um ihn. Von dieser Mitte kommen Licht und Wärme, die das Leben mit seinen Höhen und Tiefen lebenswert machen. Wenn ich mich ihm anvertraue, mich „retten“ lasse, kann er meine Wege zum Guten wenden. Ich habe mir das Jesuskind als Figur für meine Pyramide nachgekauft. Damit sie wieder einen Mittelpunkt hat. „Ein Kind ist euch geboren, ein Sohn ist euch geschenkt. Der Heiland“. Und dieses Angebot Gottes gilt nicht nur zu Weihnachten. Damals wie heute.
In diesem Sonne frohe und gesegnete Weihnachten. Ihr Rainer Schönborn
Rainer Schönborn ist Gemeindereferent der katholischen Pfarrgemeinden in Quedlinburg und Thale.
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Quedlinburger Harzbote vom 24.12.2004
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