Wort zum Sonntag: „Schein und Wirklichkeit“Von C H R I S T O P H T R E T S C H O K Vor einigen Woche besuchte mich mein Freund aus Stralsund. Als Diplomgeologe und Mitarbeiter der Umweltbehörde also einer, der es genau wissen musste, fragte ich ihn: Welches Problem drückt euch am meisten, wenn ihr an die Umwelt denkt? Die Antwort kam spontan, nicht sorgsam ausgewogen und mit vielen erklärenden Worten: größte Sorge ist die Beseitigung beziehungsweise Eindämmung des Müllberges.
Ich staune jedes Mal, wenn ich mit einem vollbepackten Korb nach Hause komme und mein Eingekauftes sortiere, wie wenig in den Kühlschrank und wie viel an Verpackung in den Müll wandert. Sollte die Verpackung ursprünglich einmal als Schutz, zum Frischhalten oder zum Transport dienen, muss sie heute für ganz andere Zwecke herhalten. Sie soll Anreiz, Verführung sein, kräftig zuzulangen, zu kaufen ohne Notwendigkeit. mehr Schein als Sein, raffiniert gemacht - und wir sind ja so empfänglich dafür,
Begegnet uns diese “mehr Schein als Sein” nur bei unseren täglichen Einkäufen, oder hat sich diese Haltung auch in ganz anderen Lebensbereichen breit gemacht? Ich meine ja, denn warum fällt es vielen von uns so schwer zuzugeben, etwas falsch gemacht, sich geirrt, manches vergessen zu haben, etwas nicht zu wissen. Unsere Verpackung nach außen muss immer farbenfroh, plakativ einfach, verführerisch sein. Weiße Flecken sind nicht vorgesehen.
Manchen Tag wird die Spannung zwischen dem nach außen getragenen Schein und innerlich unerfülltem Sein unerträglich. Mancher bricht zusammen, seelisch wie körperlich.
Mir tut es gut sagen zu können, es ist noch jemand da, dem ich ganz so sein darf, wie ich bin und mich fühle. Bei wenigen Menschen darf ich davon ausgehen, dass sie mir diese Gnade zum Unbeschwertsein bieten; bei Gott kann ich immer davon ausgehen, so sein zu dürfen, wie ich bin. Für ihn gibt es keine Verpackung, die über den Inhalt hinwegtäuscht, bei ihm gibt es nur das ganz Ursprüngliche.
Der Evangelist Lukas schreibt: „Was vor Menschen groß erscheint, ist vor Gott oft ein Greuel” (Lk 16,15). Bei ihm darf ich mich frei als Sünder, als Nichtfertiger zu erkennen geben, und bekomme immer neu die Chance umzukehren und neu anzufangen, ohne Gesichtsverlust. An ihm darf ich mich festhalten, wenn ich mit meinem Verstand am Ende bin, und bei ihm brauche ich nicht einmal zu verdrängen, dass meine Tage gezählt sind, denn er hat das Leben versprochen.
Die lieb gewordene Angewohnheit mehr Schein als Sein, hat uns viele Probleme beschert, einen endlos wachsenden Müllberg ebenso, wie immer mehr zerbrechende Menschen, die Anspruch und Wirklichkeit in ihrem Leben nicht mehr in Balance halten können. Vielleicht würde es uns in vielen Lebensbereichen mehr helfen, wenn wir uns an das alte Sprichwort erinnern: „Die nackte Wahrheit ist oft besser als die vergoldete Lüge.“. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine schöne Woche.
Christoph Tretschok ist Pfarrer der katholischen St. Mathilden-Gemeinde in Quedlinburg.
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Quedlinburger Harzbote vom 28.08.2004
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