Die Sakristei von Sankt Mathilde ist nicht geheimnisvoll ...Quedlinburg/MZ. Montagnacht ist es wieder soweit. Eine Viertelstunde vor Mitternacht öffnet Pfarrer Magnus Koschig im Chor der Mathildenkirche eine kleine Tür. Im Raum dahinter, der Sakristei, herrscht bereits drangvolle Enge: Zwei Kommunionhelfer und ein dutzend Ministranten (Messdiener) ziehen sich für die Christmette um. Doch wenn der Pfarrer die Sakristei betritt, endet das Geschnatter. Einer der festlichsten Gottesdienste des Jahres steht bevor, "da brauch ich Ruhe", gesteht Koschig.
Normalerweise kommt außer dem erwähnten Personenkreis niemand in den Nebenraum im Nordosten der Kirche - alles, was sich hinter dem Altar befindet, ist für Gottesdienst-Besucher tabu. Doch einige Tage vor Weihnachten gewährte Koschig einen Einblick in das sonst verschlossene Zimmer.
Das besticht auf den ersten Blick mit unterkühltem Abstellkammer-Charme und einer großen Schrankwand - nichts Geheimnisvolles oder gar Festliches. "Praktisch muss es sein", sagt der Pfarrer. Der Schrank verbirgt eine üppige Zahl von Gewändern und Untergewändern, die vom Geistlichen und den Ministranten getragen werden. An einem solch hohen Feiertag wie Weihnachten greift Koschig zum weißen Gewand mit einer goldgestickten, stilisierten Darstellung von Brot und Wein. Nicht irgend eines, wie Koschig betont, "sondern jenes Gewand, das mir mein Heimatpfarrer 1988 zu meinem ersten Gottesdienst schenkte".
Zum Gewand trägt der Quedlinburger Pfarrer eine Stola, ebenfalls in weiß. Doch der Schrank birgt nicht nur weiße Modelle, genau wie bei den Gewändern variieren die Farben nach strengen, liturgischen Vorschriften. Grün, die Farbe der Hoffnung und, weil am meisten getragen, "die Allerweltsfarbe", sagt Koschig. Rot bedeutet in der Symbolik der katholischen Kirche Feuer und symbolisiert den Heiligen Geist, wird daher zu Pfingsten, aber auch an Gottesdiensten getragen, in denen Märtyrern gedacht wird. Rot symbolisiert das Blut jener, die für ihren Glauben gestorben sind. Violett steht für Besinnung und wird in der Fasten- und Adventszeit sowie zu Beerdigungen getragen.
Doch zur Liturgie (Gottesdienstordnung) an hohen Festtagen gehört auch der Weihrauch. Das aromatische Baumharz aus dem Orient wird im Weihrauchfass - ein großes, reich verziertes und durchbrochenes Gefäß - auf eine glühende Kohle gestreut und entfaltet so seinen Duft. "Ein Wohlgeruch Gottes, ein Symbol seiner Liebe - er mag uns alle gut riechen", macht Koschig deutlich. Der nur dann geschmälert wird, wenn die Ministranten das Weihrauchfass mal wieder nicht nach dem Gebrauch gereinigt haben.
Fehlen nur noch Oblaten und Wein - Leib und Blut Christi - die während des Gottesdienstes gereicht werden. Der Wein in den reich verzierten Kelchen ist kein Tropfen aus dem Supermarkt, sondern stammt direkt vom Winzer. Denn Messwein muss absolut rein sein, darf während der Herstellung keine Zusätze, wie Schwefel oder Zucker, erhalten. Deshalb wird der Winzer auch vom Bistum auf die Einhaltung des kirchlichen Reinheitsgebotes kontrolliert. Im Gegensatz zu allen anderen Dingen, die im Gottesdienst gebraucht werden, bewahrt Magnus Koschig die vergoldeten Silberkelche und den Wein jedoch nicht in der Sakristei auf. Getreu dem Vaterunser: "Und führe uns nicht in Versuchung."
Quelle: MItteldeutsche Zeitung, Quedlinburger Harzbote vom 23.12.2001
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