Das Wort zum Sonntag - Die Welt ist ein Geschenkvon Magnus Koschig
Gehen Sie manchmal auf dem Friedhof spazieren? Denken Sie bisweilen über den Tod nach? Welch eigenartige Fragen? Ich soll auf dem Friedhof spazieren gehen? Dort, wo es nur Gräber gibt, soll ich "lustwandeln"? Das, was mir Freude nimmt, was mich schwermütig macht, darüber soll ich freiwillig nachdenken? Vielleicht liegt es an diesen Empfindungen, dass viele froh sind, wenn der November vorbei ist. Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag, dazu das scheinbare Absterben der Natur - all das drückt die Stimmung, all das lässt uns die kommende Adventszeit herbeisehnen. Glühwein und Plätzchen, Kerzen und Musik, das ist für uns willkommener als jene Tage, die uns an den Tod erinnern. Und doch führt am Tod kein Weg vorbei, denn nichts ist so sicher wie das eigene Sterben. Von daher lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob nicht der Tod auch eine wichtige Botschaft für das Leben enthält. Wer den Tod verdrängt, der lebt mit dem Gefühl, dass alles noch Zeit hat, dass alles wiederholt werden kann und wird. Damit nimmt er dem Leben die Tiefe, damit nimmt er dem Augenblick seine Einmaligkeit. Lebe ich dagegen im Bewusstsein meiner Sterblichkeit, werde ich jeden Tag, jede Stunde und Minute auskosten, denn ich weiß nicht, ob es für mich den morgigen Tag noch geben wird. Heute verzeichen, weil ich es morgen vielleicht nicht mehr kann, heute umarmen, zärtlich sein und lieben, weil der nächste Tag uns trennen kann. Die Welt als Geschenk ansehen und sich drüber freuen, Neid und Hass begraben und dem Fremden ein Lächeln schenken. Denn wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, dann soll es wenigstens ein guter Tag gewesen sein. Liebe Leserinnen, liebe Leser, wer über den Friedhof spazieren geht, der wird auf den Grabsteinen lesen, dass der Tod kein Alter kennt; wer den Tod nicht verdrängt, der wird erfahren, wie wertvoll jeder Augenblick ist. Vielleicht ist es, so betrachtet, eine gute Idee und eine heilsame Anregung, auf dem Friedhof spazieren zu gehen und über den Tod nachzudenken. Ich wünsche Ihnen allen dazu den Mut, und in der Konsequenz diese Tuns, die Freude am Leben und in die Gabe, den Tag und die Stunde wegen ihrer Kostbarkeit intensiv zu nutzen.
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, Quedlinburger Harzbote vom 20.11.2000
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